Wie man die Herkunft einer Redewendung erforscht
Die Herkunft einer Redewendung lässt sich am besten anhand datierter Sprachzeugnisse und sorgfältig ausgewerteter Fachliteratur untersuchen. Entscheidend ist, eine frühe schriftliche Verwendung nicht automatisch mit dem Zeitpunkt der Entstehung gleichzusetzen. Wörterbücher liefern Hinweise und Belege, deren Aussagekraft sich durch den Blick auf den ursprünglichen Text prüfen lässt. Bei einer Erklärung sollte außerdem klar erkennbar sein, ob sie belegt, plausibel oder lediglich eine Hypothese ist.
Schriftliche Belege
Ein schriftlicher Beleg zeigt, dass eine Wendung spätestens zu einem bestimmten Zeitpunkt verwendet wurde. Er verrät jedoch nicht zwingend, wann sie entstanden ist: Eine Redensart kann lange mündlich im Umlauf gewesen sein, bevor jemand sie niederschrieb. Für die Geschichte von Redensarten ist deshalb das früheste bekannte Zeugnis ein zeitlicher Anhaltspunkt, kein sicherer Geburtstag der Formulierung. Die Sicherheitsstufe lautet „belegt“, wenn sich die betreffende Form oder ein klar entsprechender Gebrauch in einer datierbaren Quelle nachweisen lässt. „Eulen nach Athen tragen“ wird häufig mit Aristophanes’ Komödie „Die Vögel“ verbunden, die 414 v. Chr. aufgeführt wurde. In diesem Zusammenhang begegnet das Bild der Eulen, die in Athen ohnehin zahlreich waren. Der antike Text ist ein früher Beleg für das Motiv und seine Verwendung; daraus folgt nicht, dass die heutige deutsche Wortfolge damals schon existierte. Die genaue Überlieferung der deutschen Form muss anhand späterer Sprachzeugnisse geprüft werden.
Bei der Lektüre früher Belege helfen diese Prüfschritte:
- Notieren Sie Autor, Werktitel, Entstehungs- oder Druckdatum und Fundstelle; ein präziser Nachweis lässt sich später mit anderen Ausgaben vergleichen.
- Prüfen Sie den Wortlaut im Originalzusammenhang: Eine ähnliche Formulierung kann wörtlich gemeint sein und muss noch keine Redensart darstellen.
- Lesen Sie den umliegenden Absatz und, wenn nötig, das ganze Werk; Ironie, Figurenrede oder ein Zitat verändern die Bedeutung.
- Vergleichen Sie ältere Schreibweisen und Varianten, denn eine heutige Form kann aus mehreren sprachgeschichtlich unterschiedlichen Wendungen hervorgegangen sein.
- Halten Sie Belegdatum und vermutete Entstehungszeit getrennt fest; die zweite Angabe bleibt ohne zusätzliche Zeugnisse eine plausible Annahme oder Hypothese.
Eine Kontextanalyse klärt, wer die Wendung verwendet, worauf sie sich bezieht und ob sie bereits bildlich gebraucht wird. Ein früher Beleg sichert somit einen Mindestzeitpunkt der Verwendung, nicht automatisch den Ursprung.
Wörterbücher und Fachliteratur
Fachwörterbücher bündeln ältere Belege, Bedeutungsvarianten und Hinweise auf sprachliche Zusammenhänge. Für die Etymologie von Redewendungen ist Lutz Röhrichs „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten“ eine wichtige Fachquelle: Es erschien erstmals 1973; erweiterte Ausgaben folgten 1991 und 1992. Ein Wörterbucheintrag ist ein Ausgangspunkt für die Prüfung, nicht automatisch ein Ersatz für den Blick auf die angeführten Quellen. Auch der Duden kennzeichnet manche Erklärungen mit Vorsicht. Bei „Hals- und Beinbruch“ wird die Wendung als mögliche volksetymologische Umformung eines jiddischen Segens gedeutet. Das ist eine Erklärung mit eingeschränkter Sicherheit, keine zweifelsfrei belegte Entstehungsgeschichte. Bei der Herkunft deutscher Redensarten sollte daher genau festgehalten werden, ob ein Nachschlagewerk einen Nachweis, eine wahrscheinliche Deutung oder eine Möglichkeit nennt.
Eine gezielte Recherche lässt sich in wenigen Schritten aufbauen:
- Suchen Sie die Wendung zunächst in einem redensartlichen Wörterbuch und notieren Sie Bedeutung, Varianten sowie alle dort genannten Quellen und Datierungen.
- Vergleichen Sie die Einträge in Röhrichs Lexikon und im Duden; achten Sie auf unterschiedliche Erklärungen und ausdrücklich vorsichtige Formulierungen.
- Schlagen Sie zitierte historische Texte in einer Ausgabe oder einem wissenschaftlichen Verzeichnis nach, statt eine Wörterbuchangabe ungeprüft weiterzugeben.
- Prüfen Sie, ob die angeführte Stelle tatsächlich die Redensart belegt oder lediglich ein ähnliches Wort, Bild oder einen verwandten Brauch enthält.
- Formulieren Sie das Ergebnis mit passender Sicherheitsstufe: „belegt“ für nachgewiesene Verwendung, „plausibel“ für gut gestützte Deutung und „Hypothese“ für eine offene Erklärung.
Der Abgleich mehrerer Nachschlagewerke mit den dort genannten Primärstellen trennt dokumentierte Verwendung am zuverlässigsten von späteren Deutungen.
Volksetymologie und Legenden
Volksetymologie bezeichnet die nachträgliche Umdeutung eines Wortes oder einer Wendung, wenn eine ungewohnte Form an vertrautere Wörter erinnert. Dabei kann eine anschauliche Erklärung entstehen, die sprachlich einleuchtend klingt, aber nicht durch historische Belege gestützt wird. Solche Deutungen sind selbst Teil der Sprachgeschichte; sie beweisen jedoch nicht, wie eine Redensart ursprünglich entstanden ist. Eine überzeugend klingende Erzählung sollte deshalb getrennt von gesicherten Nachweisen bewertet werden.
Bei Herkunftsgeschichten sind vor allem diese Warnzeichen zu beachten:
- Die Erklärung passt auffallend perfekt zu jedem Wortbestandteil, lässt aber keinen nachvollziehbaren Übergang zwischen der behaupteten Quelle und der heutigen Wendung erkennen.
- Es wird keine überprüfbare Quelle genannt: weder ein datierter Text noch ein Wörterbucheintrag oder eine konkrete historische Aufzeichnung.
- Die Geschichte enthält kein Datum und bleibt unklar darüber, wann, wo und in welchem Sprachgebrauch die Wendung erstmals vorkommen soll.
- Ein dramatischer Einzelvorfall soll die Redensart unmittelbar geprägt haben, obwohl weder zeitgenössische Berichte noch frühe Belege dafür angeführt werden.
- Die behauptete Wortherkunft beruht nur auf ähnlichem Klang; ältere Schreibweisen oder die tatsächliche Bedeutung der beteiligten Wörter werden nicht geprüft.
Beim Zitieren sollte die sprachliche Sicherheit sichtbar bleiben: „belegt“ gehört zu einer nachweisbaren Textstelle, „plausibel“ zu einer gut begründeten Erklärung und „Hypothese“ zu einer möglichen, aber ungesicherten Herleitung. Praktisch bewährt sich die Reihenfolge: Belegstellen prüfen, Fachwörterbücher vergleichen und erst danach eine Deutung übernehmen.
Quellen der Redewendungen
Redewendungen gehen auf sehr unterschiedliche Lebensbereiche zurück: auf literarische Texte, religiöse Vorstellungen und konkrete Tätigkeiten. Manchmal lässt sich eine Formulierung in einem Werk oder einer festen Praxis nachweisen; manchmal ist nur eine spätere Erklärung überliefert. Ein alter Beleg zeigt, dass eine Wendung zu einem bestimmten Zeitpunkt bereits bekannt war, aber nicht zwingend, wann sie erstmals entstand. Beim Vergleich der Quelltypen wird sichtbar, wie Bilder aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang in den alltäglichen Sprachgebrauch wechseln.
Antike Autoren
„Eulen nach Athen tragen“ bezeichnet eine überflüssige Handlung: Man bringt etwas dorthin, wo es bereits reichlich vorhanden ist. Ein früher literarischer Beleg findet sich in Aristophanes’ Komödie „Die Vögel“, die 414 v. Chr. in Athen aufgeführt wurde. Das Bild erschließt sich aus der Verbindung der Eule mit Athen: Der Vogel war der Göttin Athene zugeordnet und auf athenischen Münzen abgebildet. Wer Eulen in die Stadt bringt, liefert demnach etwas, das dort bereits vertraut und verfügbar ist. In der Komödie wirkt die Wendung als pointiertes Bild. Ein alltäglicher Transport wird als sinnloser Aufwand dargestellt; gerade die Kürze macht den Vergleich einprägsam. Die Redensart blieb verständlich, obwohl die religiöse Bedeutung der Eule und die Münzprägung der Antike für heutige Sprecher nicht unbedingt präsent sind. Ihr Kern – Überfluss am Zielort – lässt sich ohne diese Einzelheiten weiterverwenden. Die Beispiele in der Tabelle unterscheiden zwischen einem literarischen Beleg, einer religiösen Zuordnung und Ausdrücken aus beruflichen Tätigkeiten.
Bibel
„Da brat mir einer einen Storch!“ ist ein Ausruf des Erstaunens, oft mit einem überraschten oder ungläubigen Unterton. Die auffällige Vorstellung, ausgerechnet einen Storch zu braten, gibt dem Ausruf seine Wirkung: Ein vertrauter Vogel erscheint als ungewöhnliche Speise. Die Formulierung ist kein wörtliches Bibelzitat. Wahrig ordnet die Redensart dem biblischen Verbot des Storches zu. In 3. Mose 11, insbesondere in der Aufzählung der nicht zu essenden Vögel in den Versen 13 bis 19, wird der Storch genannt. Der gedankliche Zusammenhang liegt damit im Kontrast zwischen einem ausdrücklich als Speise ausgeschlossenen Tier und dem Braten, das seine Zubereitung als Mahlzeit voraussetzt. Diese Zuordnung bietet eine mögliche Erklärung dafür, warum das Bild überrascht. Eine Wörterbuchzuordnung ist von einem nachweisbaren Ursprung zu unterscheiden. Wörterbücher können eine überlieferte Deutung nennen, auf eine passende Textstelle verweisen oder eine Herleitung als wahrscheinlich kennzeichnen. Solche Hinweise dokumentieren, wie Fachwerke eine Wendung erklären; sie belegen für sich allein weder, dass die Formulierung direkt aus dem Bibeltext übernommen wurde, noch wann sie erstmals gebraucht wurde. Für „Da brat mir einer einen Storch!“ ist daher präzise von der bei Wahrig angegebenen Verbindung zu 3. Mose 11 zu sprechen. Der Bibelbezug macht das Bild verständlich, während die Redensart in ihrer heutigen Verwendung allgemein Verwunderung ausdrückt und nicht notwendig einen religiösen Zusammenhang voraussetzt.
Handwerk, Recht und Seefahrt
Aus handwerklichen und beruflichen Tätigkeiten stammen viele Bilder, weil Werkzeuge, Materialien und Arbeitsabläufe früher zum gemeinsamen Erfahrungsschatz gehörten. In der Seefahrt ist „Mast- und Schotbruch“ ein markantes Beispiel. Der Mast trägt die Segel; eine Schot ist eine Leine, mit der ein Segel geführt und eingestellt wird. Wörtlich genommen wünscht die Formel also Schäden an wichtigen Teilen der Takelage. Als scherzhafter Glückwunsch vor einem Segeltörn kehrt sie diese wörtliche Bedeutung um: Gemeint ist Erfolg, nicht ein tatsächlicher Bruch. „Holm- und Rippenbruch“ folgt demselben Muster in einem anderen Umfeld. Der Holm bezeichnet bei Turngeräten eine tragende Stange, etwa am Barren; die Rippen stehen für den menschlichen Körper. Als scherzhafte Grußformel unter Turnerinnen und Turnern spielt der Ausdruck mit der Vorstellung eines Missgeschicks, statt es ernsthaft herbeizuwünschen. Die parallele Bauform macht die Anspielung auf „Mast- und Schotbruch“ erkennbar, auch wenn sich die beiden Wendungen auf unterschiedliche Tätigkeitsbereiche beziehen. Auch rechtliche Sprache kann in den allgemeinen Sprachgebrauch übergehen. „Jemandem den Prozess machen“ bezeichnet zunächst ein gerichtliches Verfahren; außerhalb des Gerichts kann die Wendung bedeuten, jemanden für sein Verhalten zur Rechenschaft zu ziehen. Die rechtliche Vorstellung bleibt dabei erhalten, wird aber auf eine Auseinandersetzung oder Bewertung im Alltag übertragen. Solche Formulierungen zeigen, wie ein vertrauter Fachausdruck eine bildliche oder übertragene Verwendung gewinnen kann. Der Übergang in neue Kontexte hält eine Redensart gebrauchsfähig: Nicht jeder Sprecher muss noch auf einem Segelschiff arbeiten oder ein Turngerät benutzen, um das Bild zu verstehen. Bei „Mast- und Schotbruch“ bleibt die Verbindung zur Seefahrt durch die konkreten Begriffe besonders deutlich; bei „Holm- und Rippenbruch“ genügt oft die erkennbare scherzhafte Struktur. Beide Formeln leben als Wünsche weiter, obwohl ihr Wortlaut wörtlich gelesen einen Schaden ankündigt.
Beispiele mit unsicherer Herkunft
Bei manchen bekannten Redensarten ist die heutige Bedeutung klar, während ihre Entstehung nicht sicher belegt ist. Das zeigt sich bei „Schwein gehabt“, „Hals- und Beinbruch“ und „den Löffel abgeben“: Für jede Wendung kursiert eine Erklärung, doch nicht jede lässt sich historisch nachweisen. Eine Deutung kann plausibel klingen, ohne damit als gesicherte Etymologie zu gelten. Die Beispiele machen sichtbar, wie unterschiedlich die Sicherheit bei der Herkunft deutscher Redensarten ausfallen kann. Entscheidend ist, zwischen der Bedeutung im heutigen Gebrauch und einer Vermutung über den Ursprung zu unterscheiden.
Schwein gehabt
„Schwein gehabt“ bedeutet, unerwartet Glück zu haben oder einer unangenehmen Folge knapp zu entgehen. Wer etwa trotz einer verspäteten Abfahrt noch rechtzeitig am Bahnhof ankommt, kann sagen: „Da habe ich wirklich Schwein gehabt.“ Das Wort Schwein bezeichnet dabei kein tatsächliches Tier, sondern verstärkt den Ausdruck für einen glücklichen Ausgang. Die Redensart wird meist rückblickend verwendet, wenn erst im Nachhinein deutlich wird, wie knapp es war. Als Erklärung wird verbreitet eine mittelalterliche Vorstellung angeführt: Bei einem Wettbewerb habe der Verlierer als Spottpreis ein Schwein erhalten. Obwohl er nicht gewonnen hätte, wäre er mit einem wertvollen Tier nach Hause gegangen und hätte insofern Glück gehabt. Die Erzählung verbindet den scheinbar widersprüchlichen Gedanken, dass ausgerechnet ein Verlierer „Schwein“ hat, mit dem heutigen Sinn der Wendung. Diese Deutung ist anschaulich, aber nicht als gesicherte Herkunft zu behandeln. Eine nachvollziehbare Erklärung des Bedeutungsübergangs ersetzt keinen belastbaren Nachweis dafür, dass ein solcher Spottpreis tatsächlich regelmäßig vergeben wurde oder dass daraus die Redensart entstand. Die mittelalterliche Wettbewerbserzählung bleibt daher eine verbreitete Hypothese, nicht eine belegte Entstehungsgeschichte. Der Sicherheitsgrad ist niedrig: Die Bedeutung von „Schwein gehabt“ im heutigen Deutsch ist eindeutig, die behauptete Verbindung zum mittelalterlichen Spottpreis jedoch nicht gesichert. Als Musterbeispiel zeigt die Wendung, warum eine gut passende Ursprungserzählung zwar plausibel wirken kann, aber nicht automatisch den Ursprung beweist.
Hals- und Beinbruch
„Hals- und Beinbruch“ ist ein Wunsch für gutes Gelingen, besonders vor einem Auftritt, einer Prüfung oder einer anderen herausfordernden Aufgabe. Wer einem Musiker vor dem Konzert „Hals- und Beinbruch“ sagt, wünscht ihm normalerweise keine Verletzung, sondern Erfolg. Der Ausdruck wirkt wörtlich wie eine Drohung; im üblichen Gebrauch ist er jedoch eine feste Glückwunschformel. Die passende Antwort ist daher nicht als Reaktion auf eine tatsächliche Unfallgefahr zu verstehen. Eine mögliche Herleitung führt die Redensart auf die jiddische Wendung „hazlóche un bróche“ zurück, die mit „Glück und Segen“ wiedergegeben wird. Die Ähnlichkeit im Klang könnte erklären, wie aus einer positiven Wunschformel die im Deutschen drastisch klingende Verbindung mit Hals und Bein wurde. Diese Erklärung wird häufig angeführt, bleibt aber eine Möglichkeit und keine vollständig bewiesene Entstehungsgeschichte. Der Duden weist vorsichtig auf eine mögliche jiddische Vorlage hin. Diese Formulierung ist wichtig: Sie stützt die Herleitung als ernst zu nehmende etymologische Möglichkeit, bestätigt sie aber nicht als sichere Tatsache. Für den Sicherheitsgrad ergibt sich damit eine plausible, jedoch nicht abschließend gesicherte Erklärung. Die Aussagekraft liegt in der sprachlichen und inhaltlichen Ähnlichkeit; sie belegt für sich allein noch keine direkte Übernahme. Im heutigen Gebrauch zählt vor allem die feste Bedeutung als Glückwunsch. Vor einem Theaterauftritt kann die Wendung scherzhaft klingen, während sie vor einer schriftlichen Prüfung oft knapp und vertraut wirkt. Die wörtliche Vorstellung eines gebrochenen Halses oder Beins wird dabei gewöhnlich nicht mitgemeint. Gerade der Gegensatz zwischen der drastischen Wortwahl und dem positiven Wunsch macht die Redensart auffällig. Bei der Herkunft sollte deshalb zwischen Gebrauch und Erklärung unterschieden werden: Dass „Hals- und Beinbruch“ Erfolg wünscht, ist im Deutschen klar; die Herleitung aus „hazlóche un bróche“ ist möglich und vom Duden entsprechend vorsichtig behandelt. Ein hoher Sicherheitsgrad wäre angesichts dieser Einschränkung nicht gerechtfertigt.
Den Löffel abgeben
„Den Löffel abgeben“ bedeutet umgangssprachlich „sterben“. Der Ausdruck kann nüchtern, scherzhaft oder grob klingen und hängt deshalb stark von der Situation ab. In einem Satz wie „Der alte Kater hat nach vielen Jahren den Löffel abgegeben“ bezeichnet er den Tod, nicht das Weiterreichen eines Essgeräts. Für Menschen kann die Wendung je nach Gesprächston als distanziert oder respektlos empfunden werden. Eine verbreitete Erklärung knüpft an den Löffel als persönliches Essgerät an: Nach dem Tod könnte jemand seinen Löffel an eine andere Person weitergegeben haben. Eine andere Deutung versteht den Löffel als Zeichen dafür, dass ein Mensch essen und damit am Leben teilnehmen kann; wer ihn abgibt, könne diese Fähigkeit nicht mehr nutzen. Beide Ansätze setzen bei der Verbindung zwischen Löffel und Ernährung an, erklären aber nicht durch einen gesicherten historischen Beleg, wie daraus die feste Redensart wurde. Keine dieser Erklärungen ist als Ursprung zuverlässig nachgewiesen. Die Vorstellung vom Weiterreichen eines persönlichen Löffels ist anschaulich, bleibt jedoch eine Vermutung; ebenso ist die Deutung über das Ende des Essens eine nachträgliche Erklärung, solange ein belegbarer Übergang zur Redensart fehlt. Die Bedeutung „sterben“ ist klar, die Etymologie dagegen ungeklärt. Als Herkunftserklärung lässt sich daher keine der konkurrierenden Möglichkeiten mit hoher Sicherheit angeben.
Häufige Fragen
Das Alter einer Redewendung lässt sich oft nur annähernd bestimmen, weil ihr mündlicher Gebrauch älter sein kann als ihr erster schriftlicher Nachweis. Auch bei der Deutung spielen Überlieferung und sprachlicher Wandel eine wichtige Rolle. Für die Recherche helfen Wörterbücher und Fachlexika, sofern ihre Angaben anhand älterer Belege nachvollziehbar sind. Die folgenden Antworten ordnen häufige Fragen zu Alter, ungeklärter Herkunft, Nachschlagewerken und Volksetymologie ein.
Wie alt sind die ältesten deutschen Redewendungen?
Das Alter der ältesten deutschen Redewendungen unterscheidet sich stark; viele sind mittelalterlich oder älter. Eine genaue Entstehungszeit lässt sich häufig nicht angeben, weil eine Wendung bereits lange gesprochen worden sein kann, bevor sie schriftlich festgehalten wurde. Entscheidend ist deshalb die Unterscheidung zwischen Entstehung und Beleg: Ein datierter Text zeigt, dass eine Formulierung spätestens zu diesem Zeitpunkt verwendet wurde, aber nicht, wann sie erstmals aufkam. Ein früher schriftlicher Nachweis kann etwa aus einem Lied, einer Chronik oder einem anderen historischen Text stammen. Er liefert einen sicheren zeitlichen Anhaltspunkt für den Gebrauch, nicht automatisch das Geburtsdatum der Redensart.
Warum ist die Herkunft vieler Redewendungen ungeklärt?
Die Herkunft vieler Redewendungen bleibt ungeklärt, weil mündliche Überlieferung selten lückenlos dokumentiert wurde. Eine Formulierung kann über Generationen weitergegeben und dabei verändert worden sein, ohne dass frühe schriftliche Zeugnisse erhalten blieben. Hinzu kommt, dass ähnliche Wendungen unabhängig voneinander entstehen können: Eine anschauliche sprachliche Verbindung liegt mitunter mehreren Sprechergruppen nahe. Wenn frühe Belege fehlen, lässt sich daher schwer entscheiden, welche Erklärung den tatsächlichen Ursprung trifft. Mitunter stehen mehrere Deutungen im Raum, die jeweils zu einzelnen Wörtern oder historischen Umständen passen, aber nicht durch genügend Belege gestützt werden. Die Geschichte von Redensarten ist dann nicht eindeutig rekonstruierbar.
Wo kann man die Herkunft einer Redewendung nachschlagen?
Für die Herkunft einer Redewendung eignen sich etymologische Wörterbücher, Redensartenwörterbücher und sprachwissenschaftliche Fachlexika. Eine bekannte Fachquelle ist Lutz Röhrichs „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten“; auch der Duden-Band „Redewendungen“ bietet Erläuterungen zu festen sprachlichen Verbindungen. Achten Sie darauf, ob ein Werk einen frühen schriftlichen Beleg nennt und eine Deutung von bloßen Vermutungen unterscheidet. Praktisch ist es, die genaue Wortform samt Varianten nachzuschlagen und anschließend die angeführten historischen Belege zu prüfen. Ein Wörterbucheintrag ist besonders hilfreich, wenn er Quellenangaben und Datierungen enthält; eine kurze Bedeutungserklärung allein klärt den Ursprung nicht unbedingt.
Was ist Volksetymologie?
Volksetymologie bezeichnet die Umdeutung eines unbekannten oder undurchsichtigen Wortes, weil es an ein vertraut klingendes Wort erinnert. Sprecher passen dabei mitunter Aussprache oder Schreibweise an die vermeintlich verständliche Form an; auch Erklärungen zur Herkunft können auf diese Weise entstehen. Das Phänomen zeigt, wie Menschen sprachliche Formen mit bekannten Bedeutungen verbinden und leichter verständlich machen. Für die Quellenkritik ist jedoch wichtig: Eine anschauliche volksetymologische Erklärung beweist nicht, dass die Redewendung tatsächlich so entstanden ist. Prüfen Sie, ob ältere Belege und die Sprachgeschichte die Deutung stützen. Fehlen solche Nachweise, sollte die Erklärung als spätere Umdeutung eingeordnet werden.